Archiv für den Monat: Juli 2016

Amsel im Fokus der Forschung

Warum gerade die Amsel (Turdus merula) im Fokus der Wissenschaftler des Max Planck Institutes für Ornithologie steht, möchte ich kurz beleuchten. Die Amsel ist in Mitteleuropa ein häufiger und weit verbreiteter Singvogel. In den nördlichen Brutgebieten ziehen die Vögel zur Überwinterung nahezu mit der kompletten Population in südlichere Gebiete. Unsere in Deutschland vorkommende Amsel ist ein Paradebeispiel für Teilzug.

Das heißt ein Teil der Vögel zieht weg, der andere überwintert im Brutgebiet. Diese Lebensstrategie ist weit verbreitet und bei Vögeln besonders ausgeprägt. Spielte vor Jahren noch die Erforschung der Zugwege von Vogelarten eine Hauptrolle so rücken immer wieder neue Fragen in den Vordergrund. Vogelzug wurde vor allem durch die Vogelberingung erforscht. Für viele Vogelarten liegen dazu mittlerweile genug Ergebnisse vor. Die Ringfunde deutscher Brut- und Gastvögel sind in einem tollen Buch dargestellt.

Amsel – Forschung in Finnland, Russland, Frankreich, Spanien, Polen und Deutschland

In den o.g. Ländern werden seit 2 Jahren Amseln gefangen und teilweise mit Sendern versehen (siehe Foto). Neben der Besenderung werden Körpermaße und Fitnesszustand der Vögel erfasst. In den Folgejahren wird versucht, möglichst viele der markierten Vögel wieder zu fangen oder im Freiland durch Suchen mit Empfangsgeräten zu finden. Dabei wird mit kleinen Teams aus erfahrenen Ornithologen vor Ort gearbeitet. Der Arbeitsablauf ist intensiv, kräfte- und zeitraubend. Es heißt zum Beispiel vor der Amsel jeden Morgen, also mindestens eine Stunde vor Sonnenaufgang startklar zu sein.

Amsel besendert
Amsel mit Sender, Foto: Frank Radon

Beim letzten Aufenthalt in Ostpolen hieß das, jeden Morgen um 01.30 Uhr aufstehen! Die Mitarbeit findet auf freiwilliger Basis statt und ist ehrenamtlich. Belohnt wird der sogenannte Feldassistent mit einem Einblick in die Forschung und je nach Land mit herrlichen Naturerlebnissen. Im Umfeld des Forschungscamps in Ostpolen, das mitten im Biebrza Nationalpark liegt, konnten wir Elche, Wölfe, Kraniche, Schreiadler, Seggenrohrsänger und Kampfläufer, um nur einige zu nenne, täglich beoachten.

Die Amsel ist weit verbreitet

Spezielle Fragen wie sich z.B. einzelne Individuen verhalten und warum es Teilzug gibt lassen sich mit der Forschung an der Amsel gut beantworten (oder eben auch nicht).  Das Projekt des Max Planck Institutes für Ornithologie  wird vom Projektleiter kurz beschrieben:

„Die rasante Weiterentwicklung und Miniaturisierung von Telemetrie- und Mikro-Datenlogger-Technologie ermöglicht es uns heutzutage sogar kleine Singvögel über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr kontinuierlich zu verfolgen. Mit Hilfe dieser Technik beantworten wir sehr grundlegende aber gleichzeitig auch essentielle Fragen, wie z.B. was Individuen dazu bringt im Brutgebiet zu überwintern oder wegzuziehen, wann beginnt ein Zugvogel sich auf den Zug vorzubereiten und welche Fitnesskonsequenzen bringt die Entscheidung mit sich, ob man zieht oder nicht. Im Moment versuchen wir zu verstehen, welche ökologischen Faktoren die individuelle Entscheidung zu ziehen oder nicht zu ziehen beeinflussen. Wenn wir die proximaten Umweltfaktoren identifizieren, die die Zugstrategien bestimmen, können wir auch einen besseren Einblick in die historischen Selektionsdrücke, die für die Evolution der beiden Überwinterungsstrategien verantwortlich sind, gewinnen“.

Quelle: http://www.orn.mpg.de/2831768/Teilzug_Oekologie_und_Evolution_alternativer_Phaenotypen