Archiv der Kategorie: Forschung

Heimische Vogelarten – die neuen Gefahren

heimische Vogelarten - Schwarzspecht
Schwarzspecht – ein typischer Waldbewohner; Foto: Deutsche Wildtier Stiftung

Vor etwa einem Jahr habe ich hier über starke Bestandsrückgänge für heimische Vogelarten berichtet. Die Situation hat sich nicht verbessert – im Gegenteil neue Gefahren für die Vogelwelt kommen fast täglich hinzu. Viel diskutiert wird der Ausbau der Windenergie in Deutschland. Leider gibt es hierfür keine bundesweit einheitliche Regelung. Immer mehr heimische Vogelarten die bisher nicht als gefährdet eingestuft wurden geraten  in den Fokus der Vogelschützer. Da im Offenland geeignete Gebiete für die Windräder knapp werden, erwägen viele Bundesländer den Ausbau der Windenergie im Wald.  Die deutsche Wildtier Stiftung hat eine 2014 erstellte Studie jetzt im Oktober 2016 aktualisiert und veröffentlicht. Klaus Richarz, ein namhafter Ornithologe beleuchtet die Situation unter dem Titel „Windenergie im Lebensraum Wald“ auf 43 Seiten. Die Studie kann hier (Klick) heruntergeladen werden.  Die Studie „endet“ mit 10 klaren Forderungen zur Berücksichtigung des Natur- und Artenschutzes bei der Nutzung der Windkraft.

Amsel im Fokus der Forschung

Warum gerade die Amsel (Turdus merula) im Fokus der Wissenschaftler des Max Planck Institutes für Ornithologie steht, möchte ich kurz beleuchten. Die Amsel ist in Mitteleuropa ein häufiger und weit verbreiteter Singvogel. In den nördlichen Brutgebieten ziehen die Vögel zur Überwinterung nahezu mit der kompletten Population in südlichere Gebiete. Unsere in Deutschland vorkommende Amsel ist ein Paradebeispiel für Teilzug.

Das heißt ein Teil der Vögel zieht weg, der andere überwintert im Brutgebiet. Diese Lebensstrategie ist weit verbreitet und bei Vögeln besonders ausgeprägt. Spielte vor Jahren noch die Erforschung der Zugwege von Vogelarten eine Hauptrolle so rücken immer wieder neue Fragen in den Vordergrund. Vogelzug wurde vor allem durch die Vogelberingung erforscht. Für viele Vogelarten liegen dazu mittlerweile genug Ergebnisse vor. Die Ringfunde deutscher Brut- und Gastvögel sind in einem tollen Buch dargestellt.

Amsel – Forschung in Finnland, Russland, Frankreich, Spanien, Polen und Deutschland

In den o.g. Ländern werden seit 2 Jahren Amseln gefangen und teilweise mit Sendern versehen (siehe Foto). Neben der Besenderung werden Körpermaße und Fitnesszustand der Vögel erfasst. In den Folgejahren wird versucht, möglichst viele der markierten Vögel wieder zu fangen oder im Freiland durch Suchen mit Empfangsgeräten zu finden. Dabei wird mit kleinen Teams aus erfahrenen Ornithologen vor Ort gearbeitet. Der Arbeitsablauf ist intensiv, kräfte- und zeitraubend. Es heißt zum Beispiel vor der Amsel jeden Morgen, also mindestens eine Stunde vor Sonnenaufgang startklar zu sein.

Amsel besendert
Amsel mit Sender, Foto: Frank Radon

Beim letzten Aufenthalt in Ostpolen hieß das, jeden Morgen um 01.30 Uhr aufstehen! Die Mitarbeit findet auf freiwilliger Basis statt und ist ehrenamtlich. Belohnt wird der sogenannte Feldassistent mit einem Einblick in die Forschung und je nach Land mit herrlichen Naturerlebnissen. Im Umfeld des Forschungscamps in Ostpolen, das mitten im Biebrza Nationalpark liegt, konnten wir Elche, Wölfe, Kraniche, Schreiadler, Seggenrohrsänger und Kampfläufer, um nur einige zu nenne, täglich beoachten.

Die Amsel ist weit verbreitet

Spezielle Fragen wie sich z.B. einzelne Individuen verhalten und warum es Teilzug gibt lassen sich mit der Forschung an der Amsel gut beantworten (oder eben auch nicht).  Das Projekt des Max Planck Institutes für Ornithologie  wird vom Projektleiter kurz beschrieben:

„Die rasante Weiterentwicklung und Miniaturisierung von Telemetrie- und Mikro-Datenlogger-Technologie ermöglicht es uns heutzutage sogar kleine Singvögel über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr kontinuierlich zu verfolgen. Mit Hilfe dieser Technik beantworten wir sehr grundlegende aber gleichzeitig auch essentielle Fragen, wie z.B. was Individuen dazu bringt im Brutgebiet zu überwintern oder wegzuziehen, wann beginnt ein Zugvogel sich auf den Zug vorzubereiten und welche Fitnesskonsequenzen bringt die Entscheidung mit sich, ob man zieht oder nicht. Im Moment versuchen wir zu verstehen, welche ökologischen Faktoren die individuelle Entscheidung zu ziehen oder nicht zu ziehen beeinflussen. Wenn wir die proximaten Umweltfaktoren identifizieren, die die Zugstrategien bestimmen, können wir auch einen besseren Einblick in die historischen Selektionsdrücke, die für die Evolution der beiden Überwinterungsstrategien verantwortlich sind, gewinnen“.

Quelle: http://www.orn.mpg.de/2831768/Teilzug_Oekologie_und_Evolution_alternativer_Phaenotypen

Heimische Singvögel können ohne Zwischenlandung über die Sahara fliegen – Aktuelle Forschung zum Trauerschnäpper

Sumpfrohrsänger - Singvogel
Sumpfrohrsänger (Acrocephalus palustris) Foto: pixabay-kaz

Etwa 50 Milliarden Vögel wandern weltweit alljährlich zwischen ihrem Brutgebiet und dem Winterquartier. Die dabei zurück gelegten Strecken können kleinräumig sein bis hin zu Bewegungen über ganze Erdteile. Dabei fliegen Vögel oft mehrere tausend Kilometer. Neben Ozeanen und Gebirgen werden auch die heißesten Zonen der Erde überflogen. Dazu gehört auch die Sahara. Unter unseren heimischen Vögeln sind es vor allem auch Singvögel, wie der Trauerschnäpper, Ficedula hypoleuca die dabei Bemerkenswertes leisten.  Neben natürlichen Gefahren, wie Beutegreifer und Unwetter schafft der Mensch immer wieder neue Bedrohungen, wie z.B. Stromleitungen, Funktürme oder Windräder.  In einigen Ländern – auch in Europa – werden Vögel geschossen, entweder zum Verzehr oder aus Lust an der Vogeljagd.

Über Deutschland verläuft die hauptsächliche Zugrichtung der Vögel von Nordost nach Südwest und umgekehrt. Viele Vögel aus ganz Europa sind Trans-Sahara-Zieher und müssen diese Wüste jährlich zweimal überqueren. Bisher gingen die Forscher davon aus, dass vor allem kleinere Singvögel wie Rohrsänger (siehe Foto), Grasmücken und Schnäpper unterwegs Pausen einlegen und zur Rast einfallen.

Trauerschnäpper – Zugverhalten

Niederländische Forscher untersuchten das Zugverhalten von Trauerschnäppern und konnten dabei Nonstop-Flüge über bis zu 60 Stunden für die Sahara-Überquerung von Trauerschnäppern mithilfe von Datenloggern nachweisen. Im niederländischen Brutgebiet wurden dazu 80 Trauerschnäpper mit kleinen Datenloggern versehen, die über die folgenden Monate alle fünf bis zehn Minuten Lichtstärke und Temperatur aufzeichneten. Ein Jahr später wurden die standorttreuen Vögel erneut am Brutplatz gefangen und die Datenlogger ausgewertet. Anhand der Daten konnten Lichtkurven errechnet werden, die auf die Tageslänge und damit auf den ungefähren Breitengrad schließen ließen. Über die Tagesmitte konnte außerdem der Längengrad berechnet werden.

Insgesamt 27 beloggerte Trauerschnäpper konnten wiedergefangen werden, 15 Datenlogger lieferten auswertbare Daten sowohl vom Herbst- als auch Frühjahrszug. Dabei konnten die Wissenschaftler eindeutig belegen, dass die Vögel mitunter 40 bis 60 Stunden Nonstop flogen. Neben der reinen Flugleistung der Vögel ist zudem bemerkenswert, dass ein Großteil der Sahara offenbar während des Tages überquert wurde — man hatte angenommen, dass die Temperatur zu dieser Zeit für derartige Leistungen zu hoch sei. Für den Trauerschnäpper konnte außerdem ermittelt werden, dass die Vögel einen Schleifenzug vollziehen. Auf dem Herbstzug zogen die Vögel längere Zeit über den Atlantik und mieden so die Wüste, anstatt wie im Frühjahr die Sahara direkt zu überqueren. Die bemerkenswerten Ergebnisse der Studie wurden nun im Magazin Biology Letters veröffentlicht.

Weitere Informationen

  • Ouwehand et al. (2016): Alternate non-stop migration strategies of pied flycatchers to cross the Sahara desert. Biology Letters. DOI: 10.1098/rsbl.2015.1060